
Bewusster Buchstabensalat: Mein Interview mit der MIT-Mathematikerin Yael Tauman Kalai aus der taz vom Oktober 2025
Nichts ginge im digitalen Alltag ohne Kryptografie: die Kunst, sensible Daten so verschlüsseln, dass sie vor Unbefugten sicher sind. Ohne ausgefeilte mathematische Tricks läge alles, was unsere Geräte im Internet treiben, der Welt offen. Einigermaßen sicher werden Online-Banking, Textnachrichten oder Cloud-Speicher erst dann, wenn die Informationen nicht im Klartext übertragen werden, sondern als Abfolge scheinbar willkürlicher Buchstaben und Zahlen. Sinn ergeben sie nur im Zusammenspiel mit dem korrekten Passwort, der richtigen PIN oder einer anderen Methode der Entschlüsselung.
Die meisten Menschen dürften sich wenig Gedanken darüber machen, was hinter den Kulissen passiert, wenn ihr Smartphone mit dem Internet kommuniziert; aber vielen Forschenden wird mulmig, wenn sie sich ansehen, mit welcher Selbstverständlichkeit sich Privatleute, Milliarden-Unternehmen und Verwaltungen in aller Welt darauf verlassen, dass die heutigen Verschlüsselungs-Mechanismen auch morgen noch sicher bleiben.
Denn Quantencomputer bedrohen aktuell gängige Verschlüsselungsmethoden, weil sie durch ihre schiere Rechenkraft praktisch jeden Code knacken können. Derzeit sind Quantencomputer noch im Versuchsstadium. „Aber das könnte schon in fünf Jahren anders aussehen“, sagt die MIT-Mathematikerin Yael Tauman Kalai, eine der führenden Forscherinnen auf dem Gebiet der Kryptografie.

Crash-Kurs in Kryptografie: Bei der Tagung der Nobelpreisträger in Lindau hält Yael Tauman Kalai im August 2025 einen Gastvortrag, der ins Detail geht.
Die Uhr tickt…
„Nachrichten die wir heute verschicken, ließen sich dann rückwirkend entschlüsseln“, warnt sie. „Man müsste sie nur bis dahin speichern. Deshalb brauchen wir jetzt schon neue kryptografische Methoden, die uns effektiv gegen Angreifer aus der Zukunft schützen.“ Solche Methoden gibt es längst – sie werden aber noch viel zu selten in der Praxis genutzt.
Ich hatte die Chance, mit Yael Tauman Kalai am Rande der jüngsten Nobelpreisträger-Tagung in Lindau zu sprechen, bei der sie als Preisträgerin des Heidelberg Forums einen Gastvortrag hielt.
Wunderbar lebendig erzählte mir die Mathematikerin von ihrer Liebe für Zahlen und Rechenrätsel – aber auch, warum sie es für schädlich hält, dass gute Schulnoten für Mathematik oft mit hoher Intelligenz gleichgesetzt werden. Ihre Auszeichnungen seien immer das Ergebnis von Teamarbeit, betonte sie; und dass ausgerechnet sie den begehrten ACM Prize for Computing erhielt, habe ihre Kinder sehr amüsiert: „Soll das ein Witz sein?“, habe ihr Sohn gefragt – schließlich habe sie von Programmieren nicht wirklich viel Ahnung. „Das fand ich lustig“, sagt Kalai. Es stimme ja: „Code schreiben, das mache ich praktisch nie.“
Für die gedruckte Ausgabe hatte das taz-Team die großartige Idee, die Überschrift zum Interview analog zu verschlüsseln: Erst, wenn man das Papier gegen das Licht hält, wird der Satz lesbar. Die Website dagegen spricht Klartext, logisch; dort ist das Interview jederzeit gratis zu lesen, weil die taz nichts von Paywalls hält und sich über Spenden finanziert.

Ach, klar! Gegen das Licht gehalten, wird die Überschrift lesbar – weil die fehlenden Buchstaben auf der Rückseite des Papiers gedruckt sind. Brillante Idee.
Die neue Gefahr heißt KI
Was in meinem Kopf von diesem Gespräch weiter nachhallt, sind vor allem Yael Tauman Kalais Aussagen zu Künstlicher Intelligenz – eine Technologie, so mächtig, dass sie aus Sicht der MIT-Forscherin bewusst ausgebremst werden müsste. „Ich sehe die große Gefahr, dass eigentlich alles zu schnell geht“, sagt Kalai. „Die Technologie ist noch ganz jung, wir sind gesellschaftlich nicht bereit für sie und wissen nicht, ob KI wirklich sicher ist.“
Aber natürlich sei kein Unternehmen bereit, sich zurückzuhalten – zu groß die Sorge, von anderen abgehängt zu werden. Dabei sei selbst den Entwicklern oft unwohl bei der aktuellen Entwicklung. Kalai weiß das, weil sie viele Freunde in der Branche hat und ihr Mann, der bekannte Computerwissenschaftler Adam Tauman Kalai, bei OpenAI arbeitet.
„Diese Leute haben Angst. Sie machen sich große Sorgen, dass KI nicht sicher ist“, betont Yael Tauman Kalai. „Das ist für mich das wirklich Erschreckende: Die Menschen, die sich vor dieser Technologie fürchten, sind die Expertinnen und Experten, die sie entwickeln; die Leute im Silicon Valley selbst. Sie versuchen zwar, KI sicher zu machen – aber es geht einfach alles sehr, sehr schnell.“
An dieser Stelle fühlte ich mich an mein Interview mit Tristan Harris erinnert, dem Gründer des Center for Humane Technology, der im aktuellen KI-Goldrausch eine Gefahr für die Stabilität der Gesellschaft sieht. Details dazu hier und auf der News-Website der DLD-Konferenz, die ich redaktionell betreue.

